Israel Institute of Biblical Studies

Quelle: doronkeidar.substack.com (9. Oktober 2026). Mit Genehmigung nachgedruckt.

„Katholische Stimmen für Israel“ klingt für viele Menschen wie ein Widerspruch. Genau diese Reaktion ist das Problem, dem Dr. André Villeneuve seit fast zwei Jahrzehnten entgegenzuwirken versucht.

Villeneuve ist Theologieprofessor an einem katholischen Priesterseminar, ein ehemaliger evangelikaler Christ, der nach Jahren des Studiums in Israel zur katholischen Kirche zurückfand, und der Gründer von Katholiken für Israel. Diese Organisation rief er 2007 als Doktorand an der Hebräischen Universität Jerusalem ins Leben. Seit dem 7. Oktober hat er sein Engagement erheblich verstärkt und gemeinsam mit Pater Antoine Lévy, einem in Jerusalem lebenden Dominikanerpater, die Initiative Katholische Stimmen für Israel gegründet. Ihre erste größere Erklärung, „Um Zions willen: Ein katholischer Aufruf zur Unterstützung Israels“, hat bislang rund 200 Unterschriften erhalten.

Ich habe mich mit ihm zusammengesetzt, um eine Frage zu vertiefen, die ständig auf Schlagworte verkürzt wird: Was lehrt die katholische Kirche tatsächlich über Israel, den Zionismus und das jüdische Volk? Und wie unterscheidet sich diese Lehre von dem, was eine Handvoll lautstarker katholischer Kommentatoren im Namen der Kirche behauptet?

Das Problem: Kommentatoren, die auftreten, als wären sie das Lehramt

Villeneuves Unmut hat einen konkreten Grund. Als die Patriarchen und Kirchenoberhäupter in Jerusalem eine Erklärung veröffentlichten, die den christlichen Zionismus als „schädliche Ideologie“ verurteilte, griffen zahlreiche katholische Kommentatoren dies als Bestätigung dafür auf, dass Rom den Zionismus grundsätzlich ablehne. Er nannte Namen: Matt Fradds vereinfachten „Katechismus“ zum christlichen Zionismus ebenso wie Äußerungen anderer prominenter katholischer Stimmen. Sein Einwand: Solche Stellungnahmen behandeln die jahrhundertealte Ersetzungstheologie als feststehende Lehre, ohne sich tatsächlich mit den theologischen Argumenten auseinanderzusetzen.

Auf eine Unterscheidung kam er immer wieder zurück: Es gibt einen Unterschied zwischen der Meinung eines Einzelnen und dem Lehramt, also dem offiziellen kirchlichen Lehrdienst des Papstes zusammen mit den Bischöfen. Kommentatoren haben ein Recht auf ihre Ansichten. Sie haben jedoch kein Recht darauf, diese als Position der Kirche auszugeben.

Wir sprachen auch darüber, wie sich diese Vermischung bei Personen des öffentlichen Lebens zeigt, die ihren Glauben als Ausweis ihrer Glaubwürdigkeit einsetzen. Ohne auf die Beweggründe einzelner Personen einzugehen, ist das allgemeine Muster vertraut: Jemand beruft sich auf seine katholische Identität, um scharf israelkritischen Positionen Autorität zu verleihen, und das Publikum geht anschließend davon aus, dies sei einfach das, „was Katholiken glauben“. Villeneuves Punkt ist, dass Glaube und politische Meinung dabei so miteinander verschmelzen, dass die Position der Institution falsch dargestellt wird. Genau hier will Katholische Stimmen für Israel Klarheit schaffen.

Drei Quellen statt nur einer

Um zu erklären, warum diese Auseinandersetzung mehr Zeit braucht, als es zunächst scheinen mag, erläuterte Villeneuve die Grundstruktur der katholischen Theologie. Das evangelikale Christentum orientiert sich im Allgemeinen am Prinzip sola scriptura: allein die Schrift. Das ist einfach und unmittelbar, bedeutet aber auch, dass eine zentrale Instanz fehlt, die Streitfragen verbindlich entscheidet. Dies erklärt zum Teil, warum sich der Protestantismus in so viele Konfessionen aufgespalten hat.

Die katholische Theologie geht anders vor. Die Offenbarung wird auf drei Wegen vermittelt: durch die Heilige Schrift, die Heilige Überlieferung und das Lehramt. Nach der eigenen Lehre der Kirche bleibt die Schrift „die Seele der heiligen Theologie“. Villeneuve nennt dies prima scriptura: die Schrift an erster Stelle, statt die Schrift allein. Doch auch der Überlieferung und der offiziellen Lehre kommt Gewicht zu.

Das hat konkrete Folgen. Er verwies auf eine häufig zitierte Schilderung der Begegnung zwischen Papst Pius X. und Theodor Herzl im Jahr 1904. Dabei soll der Papst Herzl gesagt haben, die Kirche könne den Zionismus nicht unterstützen, weil das jüdische Volk Christus nicht anerkannt habe. Unter katholischen Antizionisten ist dies ein beliebtes Argument. Doch wie Villeneuve anmerkte, stammt dieser Bericht aus Herzls privatem Tagebuch und nicht aus einem kirchlichen Dokument. Es war ein privates Gespräch ohne jegliche lehramtliche Autorität.

Seine eigentliche Schlussfolgerung ist differenzierter, als es beide Seiten der Debatte gewöhnlich zulassen: Die katholische Kirche hat keine offizielle Theologie des Zionismus. Sie spricht sich nicht offiziell dafür aus und, entgegen den Behauptungen seiner Kritiker, auch nicht offiziell dagegen. Seit der Erklärung Nostra Aetate des Zweiten Vatikanischen Konzils in den 1960er-Jahren hat die Kirche die Ersetzungstheologie und den Antisemitismus ausdrücklich zurückgewiesen und mit den Worten aus Römer 11 bekräftigt: „Unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt.“ Was seiner Ansicht nach noch fehlt, ist der nächste Schritt: die ausdrückliche Anerkennung, dass die neuzeitliche Rückkehr des jüdischen Volkes in sein Land selbst ein Zeichen der Treue Gottes ist.

Zwei Formen der Unkenntnis

Villeneuve benannte unter Katholiken zwei unterschiedliche Hindernisse in dieser Frage, die jeweils eine andere Antwort erfordern.

Das erste ist schlicht mangelnde Bibelkenntnis: Kommentatoren zitieren die Schrift kaum außerhalb der Evangelien und übersehen, dass drei Viertel der katholischen Bibel vor dem Matthäusevangelium stehen. Er erinnerte an das Wort des heiligen Hieronymus: „Die Schrift nicht kennen heißt Christus nicht kennen“, und betonte, dass die prophetischen Bücher, die er jedes Jahr unterrichtet, voller Verheißungen der Rückkehr Israels in sein Land sind – vom Deuteronomium über Ezechiel bis hin zu weiteren Büchern.

Das zweite Hindernis ist subtiler: die Allegorisierung. Selbst Katholiken, die ihre Bibel kennen, deuten jede Landverheißung geistlich zu einem Sinnbild des Himmels um und betrachten die Kirche als das „neue Israel“, das an die Stelle des jüdischen Volkes als Empfänger der Verheißungen tritt. Villeneuve lehnt die typologische Auslegung nicht grundsätzlich ab – die katholische Hermeneutik lässt durchaus mehrere Auslegungsebenen zu. Er besteht jedoch darauf, dass der wörtliche Sinn den Ausgangspunkt bilden muss und durch eine geistliche Lesart nicht aufgehoben wird. Sein Bezugspunkt sind die Worte Christi selbst: „Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen.“

Die verbindliche Tradition und die einzelnen Traditionen

Bei der Geschichte der katholisch-jüdischen Beziehungen beschönigte Villeneuve die schwierigen Seiten nicht. Die Ersetzungstheologie ist bei den Kirchenvätern tief verwurzelt und nährte über Jahrhunderte hinweg judenfeindliche Gesetze und bisweilen auch Gewalt. Doch er unterschied klar zwischen weitverbreiteten Einstellungen und offizieller Lehre. Im Englischen veranschaulicht er dies durch die Unterscheidung zwischen „Tradition“ mit großem T, der verbindlichen und maßgeblichen Überlieferung, und „traditions“ mit kleinem t: einzelnen Traditionen, die eher Bräuchen entsprechen und dem näherkommen, was das Judentum Minhagim nennt. Die judenfeindlichen theologischen Äußerungen vergangener Jahrhunderte, so sein Argument, seien niemals von einem ökumenischen Konzil als verbindliche Lehre festgeschrieben oder von einem Papst ex cathedra gelehrt worden.

Er wandte sich auch gegen die Neigung, einzelne Personen mit verwerflichem Verhalten – einen feindseligen Rabbiner, einen hetzerischen Prediger – als repräsentativ für eine ganze Tradition anzusehen, sei es das Judentum, der Katholizismus oder das evangelikale Christentum. Eine individuelle Reaktion, die von tatsächlichen historischen Verletzungen geprägt ist, ist nicht dasselbe wie die Lehre einer Institution. Beides gleichzusetzen vertieft nur die Spaltung.

Dass Jesus Jude ist, ist keine Nebensache

Wir beschäftigten uns ausführlich damit, warum die jüdische Identität Christi – Sohn Davids, Sohn Abrahams, Isaaks und Jakobs – nicht nur historisch, sondern auch theologisch von Bedeutung ist. Villeneuve formuliert es so: Wenn der Messias als davidischer König wiederkommt, um von Jerusalem aus zu herrschen, dann lässt sich dieses Detail nicht einfach durch eine geistliche Deutung auflösen, ohne den Inhalt der Aussage selbst zu verändern. Die letzte Frage, die Jesu eigene Jünger ihm stellten, betraf die Wiederherstellung des Reiches für Israel.

Für Katholiken, die erklären, Jesus zu lieben, dem Judentum jedoch gleichgültig gegenüberstehen, zog er folgenden Vergleich: Das sei, als verliebe man sich in jemanden aus einem anderen Land und erkläre zugleich, keinerlei Interesse an dessen Sprache, Familie oder Geschichte zu haben. Das passt nicht zusammen. Wer das jüdische Menschsein Christi verstehen will – seine Gebete, seine kulturelle Lebenswelt –, muss sich ernsthaft mit dieser Identität befassen, statt sie als Fußnote zu behandeln.

Gerade in Fragen der Eschatologie – dem Ablauf der Endzeit, dem tausendjährigen Reich und der Frage, wie wörtlich prophetische Zeitangaben zu verstehen sind – äußerte sich Villeneuve deutlich zurückhaltender als zu historischen und lehrmäßigen Fragen. Die katholische Kirche hat niemals ein einziges eschatologisches Deutungsschema zum Dogma erhoben, und er sieht in dieser Demut einen echten Wert. Er zog einen Vergleich mit der jüdischen Herangehensweise: diese Dinge sorgfältig studieren, sich darauf vorbereiten, die Zeichen zu erkennen, aber der Versuchung widerstehen, sich auf starre, durch die Ereignisse widerlegbare Vorhersagen festzulegen, wie es dispensationalistische Modelle – etwa das der Reihe „Left Behind“ – häufig tun.

An Israel einen unerfüllbaren Maßstab anlegen

Gegen Ende des Gesprächs wandten wir uns einem vertrauten Muster antizionistischer Rhetorik zu: Vom heutigen Israel wird verlangt, einen bestimmten Grad an Heiligkeit zu erreichen, bevor sein Anspruch auf das Land ernst genommen wird. Häufig geht dies mit Theorien einher, die sogar infrage stellen, ob die heutigen Juden genealogisch überhaupt mit dem biblischen Israel verbunden sind.

Villeneuves Antwort stützte sich auf eine recht einfache Beobachtung aus der Schrift selbst: Das biblische Israel war selten heilig. Vom goldenen Kalb über die Richterzeit und das geteilte Königreich bis zum Exil ist die Geschichte des Volkes von wiederholtem Versagen geprägt, dem „ein kleiner Rest von Gerechten“ gegenübersteht. Die Geschichte, die die Bibel tatsächlich erzählt, handelt nicht in erster Linie von Israels Treue, sondern von Gottes Treue. Diese Perspektive, so Villeneuve, sollte den Blick der Christen auf den heutigen Staat verändern: Berechtigte Kritik an bestimmten politischen Maßnahmen oder Verhaltensweisen ist völlig legitim. Davon zu unterscheiden ist jedoch die Frage, ob der Bund und die Verheißungen weiterhin Bestand haben. Israels Vollkommenheit war niemals eine Voraussetzung für die Verheißung.

Wir sprachen auch kurz über die Zeit, in der er selbst als Christ in Israel lebte. Seiner Schilderung zufolge stand diese unmittelbare Erfahrung in starkem Gegensatz zu manchen pauschalen Behauptungen über eine systematische Christenverfolgung, die im Internet kursieren. Er bestritt nicht, dass es tatsächlich zu Übergriffen kommt, stellte sie aber in den Zusammenhang einer israelischen Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft, die sich weithin aktiv gegen diese Art von Extremismus einsetzen.

Der größere Zusammenhang

Was mich an diesem Gespräch am meisten beeindruckte, war kein Aufruf, jeden Christen zum Zionisten zu machen. Villeneuve erklärte ausdrücklich, dass er dies nicht erwarte und auch nicht gekränkt sei, wenn andere zu anderen Schlüssen gelangten. Sein Anliegen ist enger gefasst und, wie ich meine, wichtiger: Wenn jemand beansprucht, in Fragen zu Israel für die katholische Kirche zu sprechen, muss dieser Anspruch an dem gemessen werden, was die Kirche tatsächlich gesagt hat – statt an dem, was politisch opportun ist oder ungeprüft aus der theologischen Überlieferung übernommen wurde.

In einer Medienlandschaft, in der eine Handvoll lauter Stimmen als repräsentativ für ganze Traditionen gilt, kommt es auf solche Genauigkeit an. Villeneuve und Pater Lévy fordern Katholiken nicht dazu auf, eine politische Position zu übernehmen. Sie bitten sie, die Quellen zu lesen, bevor sie vorgefertigte Argumente wiederholen.


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