Israel Institute of Biblical Studies

Quelle: www.michaeljvlach.com (8. April 2026). Mit Genehmigung des Autors veröffentlicht.

Das Verhältnis zwischen dem Israel der Bibel und dem modernen Staat Israel gehört zu den meistdiskutierten Fragen der heutigen christlichen Theologie. Viele Christen versuchen zu verstehen, wie das heutige Israel mit dem Israel zusammenhängt, von dem wir in der Heiligen Schrift lesen.

Dieser Beitrag untersucht das Verhältnis zwischen dem biblischen Israel und dem heutigen Israel sowie dessen Bedeutung für die Frage, wie Christen Israel in der Gegenwart betrachten sollten. Ich vertrete die These, dass Israel als Volk und Nation stets bedeutsam für Gottes Absichten bleibt und dass der heutige jüdische Staat trotz seines gegenwärtigen Unglaubens eng mit dem in der Schrift beschriebenen Israel verbunden ist.

Zur Herangehensweise an diese Frage ist eine Vorbemerkung nötig. Diskussionen über Israel und das heutige Israel beginnen oft mit Stellen, die Israels Identität oder seine Rolle in Gottes Plan nicht unmittelbar behandeln. Dieser Beitrag legt den Schwerpunkt stattdessen auf Texte, die ausdrücklich bestimmen, wer Israel ist und welche Rolle diese Nation im Verlauf der biblischen Geschichte spielt. Wenn wir von diesen grundlegenden Stellen ausgehen, können wir besser beurteilen, wie sich das heutige Israel zu dem in der Bibel beschriebenen Israel verhält.

Israel in der Bibel

Eine sachgerechte Erörterung des Verhältnisses zwischen dem Israel der Bibel und dem modernen Staat Israel sollte zunächst klären, was die Bibel unter „Israel“ versteht. In der Schrift ist Israel ein Volk mit einer ethnischen, nationalen und territorialen Dimension. Gott beschrieb Israel als das „große Volk“, das er Abraham verheißen hatte (Gen 12,2).

Die ethnische Dimension Israels

Erstens besitzt Israel eine ethnische Dimension. Die Nation stammt von Abraham, Isaak und Jakob ab, und die Stämme Israels bildeten ein durch nachvollziehbare Abstammung verbundenes Volk. In Genesis 32 erhielt Jakob nach seinem Ringen mit Gott den Namen Israel. Der Name „Israel“ bedeutet wahrscheinlich „er ringt mit Gott“. Von da an wurden Jakobs Nachkommen als die Söhne Israels bezeichnet, und die Nation leitete ihre Identität von diesem Patriarchen ab. Die Israeliten waren also die leiblichen Nachkommen Jakobs, des Mannes, dem Gott den Namen Israel gab. Die Verheißungen an Abraham und seine Nachkommen setzen somit die Existenz eines wirklichen Volkes voraus, das durch Abstammung verbunden ist.

Dennoch war Israel Außenstehenden gegenüber niemals völlig verschlossen. Nichtisraeliten konnten sich Israel und dem Herrn anschließen. Das „Mischvolk“, das Ägypten verließ, umfasste Menschen, die sich mit Israel verbunden hatten (Ex 12,38). Rahab und Rut wurden später Teil Israels und erscheinen sogar im Stammbaum Jesu. Israel besaß somit einen durch Abstammung bestimmten Kern und blieb zugleich offen für diejenigen, die sich dem Gott Israels zuwandten.

Israel als Nation

Zweitens ist Israel eine nationale Größe. Am Sinai wurde Israel zu einer Nation mit Gesetz, Führung und gemeinschaftlicher Verantwortung vor Gott (Ex 19,5–6; Dtn 4,5–8). Israel war nicht bloß eine Ansammlung von Einzelpersonen mit gemeinsamen religiösen Überzeugungen, sondern ein Volk mit gemeinsamer Geschichte, Sprache, Gottesverehrung und Lebensweise. Die Nation besaß eigene Gesetze, Feste, Institutionen und ein kollektives Gedächtnis, die sie von den umliegenden Völkern unterschieden.

Israel und das verheißene Land

Drittens ist Israel mit einem Territorium verbunden. Die biblischen Bundesschlüsse verbinden Israel wiederholt mit einem bestimmten Land. Gott sagte zu Abraham: „Deinen Nachkommen habe ich dieses Land gegeben“ (Gen 15,18). Später erklärte er: „Ich werde dir und deinen Nachkommen nach dir das Land, in dem du als Fremder lebst, das ganze Land Kanaan, zum ewigen Besitz geben“ (Gen 17,8). Die Verheißung wurde gegenüber Isaak (Gen 26,3) und Jakob (Gen 28,13) bekräftigt.

Der Zweck der Erwählung Israels

Welchen Zweck hatte die Erwählung Israels? Israel wurde erwählt, um den Völkern Segen zu bringen. Gott sagte zu Abraham: „Ich werde dich zu einem großen Volk machen … und in dir werden alle Geschlechter der Erde gesegnet werden“ (Gen 12,2–3). Gott wollte durch dieses Volk wirken, damit sein Segen die ganze Welt erreichte. Psalm 67,1–2 bittet: „Gott sei uns gnädig und segne uns … damit man auf der Erde deinen Weg erkenne, unter allen Völkern dein Heil.“ Die Nation wurde erwählt, damit sich Gottes Wahrheit, sein Heil und seine Absichten für sein Reich auf die Völker der Erde erstreckten.

Gottes Erwählung Israels hatte eine gemeinschaftliche Zielsetzung und hing nicht vom persönlichen Heil oder von der Treue jedes einzelnen Israeliten oder jeder Generation seiner Geschichte ab. Vielmehr wurde Israel erwählt, um bestimmte geschichtliche und internationale Aufgaben in Gottes Plan zu erfüllen. Diese weltweiten Segnungen werden durch mehrere Schlüsselrollen vermittelt, die Israel zugewiesen wurden. Durch Israel gab Gott der Welt die Heiligen Schriften (Röm 3,2). Aus Israel kam der Messias, der Retter der Welt (Röm 9,5). Israel ist außerdem dazu bestimmt, das geografische Zentrum des künftigen irdischen Reiches des Messias über die Völker zu sein (Jes 2,2–4; Sach 14,16–21).

Diese Absichten setzten nicht voraus, dass jeder Israelit im Glauben treu war. Im Laufe der Geschichte Israels lebten viele im Unglauben, dennoch führte Gott seine Absichten durch das Volk als Ganzes weiter. Israels Erwählung betrifft daher die Rolle der Nation in Gottes Geschichtsplan und reicht über das Versagen einzelner Generationen hinaus, auch in Zeiten der Züchtigung, des Exils und der Zerstreuung. Zugleich hing das Heil des Einzelnen immer vom persönlichen Glauben an den Herrn ab, wie Abraham in Genesis 15,6 beispielhaft zeigt.

Israel als generationenübergreifendes Volk

Ein weiteres wichtiges Merkmal des biblischen Israel ist sein generationenübergreifender Charakter. Israel ist nicht auf eine Generation beschränkt, die zu einem bestimmten Zeitpunkt der Geschichte lebt. Vielmehr besitzt es eine fortdauernde nationale Identität, die Generationen umspannt. Die Schrift spricht regelmäßig von Israel als einem Volk, dessen Identität über die Zeiten hinweg besteht.

In Deuteronomium 29 erklärt Mose, dass seine Weisung nicht nur diejenigen betrifft, die an jenem Tag vor ihm stehen, sondern auch „diejenigen, die heute nicht hier bei uns sind“. Auch Deuteronomium 30 spricht Israel gemeinschaftlich in einer Sprache an, die Generationen umspannt. Die Stelle verwendet das Pronomen „du“, um sowohl die Israeliten zur Zeit des Mose als auch künftige Generationen anzusprechen, die die Zerstreuung unter die Völker und später die Rückkehr in das Land erleben würden (Dtn 30,1–5). Über die Zeiten hinweg wird dasselbe Bundesvolk angesprochen, auch wenn verschiedene Generationen unterschiedliche geschichtliche Umstände erfahren.

In Matthäus 23,37–39 klagt Jesus über Jerusalem und erklärt: „Ihr werdet mich nicht mehr sehen, bis ihr sagt: Gesegnet sei, der kommt im Namen des Herrn.“ Seine Worte richten sich an die Generation vor ihm und weisen zugleich auf eine künftige Generation Israels hin, die ihn willkommen heißen wird. Diese Aussage setzt voraus, dass die Nation über die Zeiten hinweg fortbesteht.

Israels dauerhafter Fortbestand als Nation

Schon der abrahamitische Bund begründet den dauerhaften Fortbestand Israels als Volk. Gott verhieß Abraham: „Ich werde meinen Bund zwischen mir und dir und deinen Nachkommen nach dir aufrichten, durch ihre Generationen hindurch, als einen ewigen Bund“ (Gen 17,7). Zuvor hatte der Herr erklärt: „Ich werde dich zu einem großen Volk machen“ (Gen 12,2). Weil diese Verheißungen den leiblichen Nachkommen Abrahams als ewiger Bund gegeben wurden, ist der Fortbestand Israels als Volk garantiert.

Die Propheten bekräftigen Israels dauerhaften nationalen Fortbestand. Jeremia 31,35–36, eine Stelle über den Neuen Bund, erklärt, dass Israel vor dem Herrn eine Nation bleiben wird, solange die festgesetzte Ordnung von Sonne, Mond und Sternen besteht:

So spricht der Herr,
der die Sonne zum Licht am Tag gibt
und die feste Ordnung von Mond und Sternen zum Licht in der Nacht,
der das Meer aufwühlt, sodass seine Wogen tosen;
Herr der Heerscharen ist sein Name:
„Wenn diese feste Ordnung
vor mir vergeht, spricht der Herr,
dann werden auch Israels Nachkommen aufhören,
für immer eine Nation vor mir zu sein.“

Solange die Schöpfungsordnung besteht, bleibt Israel eine Nation vor Gott. Der Fortbestand Israels ist in der dauerhaften Ordnung der Schöpfung selbst verankert. Jeremia bekräftigt dies erneut in 33,25–26:

So spricht der Herr: „Wenn mein Bund mit Tag und Nacht nicht bestünde und ich die festen Ordnungen des Himmels und der Erde nicht eingesetzt hätte, dann würde ich die Nachkommen Jakobs und Davids, meines Knechtes, verwerfen … Doch ich werde ihr Geschick wenden und mich ihrer erbarmen.“

So wie der regelmäßige Wechsel von Tag und Nacht nach Gottes Verfügung fortbesteht, werden auch die Nachkommen Jakobs als Volk nicht verworfen werden.

Israel reicht über jede einzelne Generation hinaus. Die Nation kann Exil oder weltweite Zerstreuung erleben. Sie kann sogar „gering an Zahl unter den Völkern“ werden (Dtn 4,27), bleibt aber in Gottes Absichten dasselbe Bundesvolk. Aufgrund von Gottes Bund mit Abraham ist Israel ein Volk, dessen nationale Existenz die ganze Geschichte hindurch fortbesteht.

Selbst wenn Israel aus seinem Land vertrieben wird, wird die Nation weiterhin als mit diesem Land verbunden betrachtet. Die Propheten sprachen die Israeliten im Exil häufig als ein Volk an, das eines Tages in das den Vätern verheißene Land zurückkehren würde. Jeremia 16,15 verheißt, dass der Herr Israel „in ihr eigenes Land zurückbringen wird, das ich ihren Vätern gegeben habe“. Diese Formulierung setzt voraus, dass das Land auch während ihrer Zerstreuung unter die Völker weiterhin das ihre bleibt. Auch Jesus deutete an, dass die Herrschaft der Völker über Jerusalem begrenzt sein würde: Die Stadt werde „von den Völkern zertreten werden, bis die Zeiten der Völker erfüllt sind“ (Lk 21,24). Das Wort „bis“ zeigt, dass dieses Zertreten in Gottes Plan eine Grenze hat und eines Tages einer anderen, besseren Situation für Jerusalem weichen wird.

Der Rest innerhalb Israels

Während die Schrift Israels Identität als Nation bekräftigt, erkennt sie auch eine Unterscheidung innerhalb der Nation selbst an: einen treuen Rest, der dem Herrn wirklich vertraut. Paulus erklärt, dass nicht alle, die ethnisch zu Israel gehören, im Glauben treu sind. In Römer 2,28–29 lehrt er, dass der wahre Jude derjenige ist, dessen Herz von Gott verwandelt wird. In Römer 11,1–10 spricht er von einem gläubigen Rest innerhalb der Nation in Zeiten weitverbreiteten Unglaubens. In Galater 6,16 bezeichnet er die treuen Israeliten als das „Israel Gottes“.

Diese Stellen heben die geistliche Dimension der Zugehörigkeit zu Gottes Volk hervor und bewahren zugleich die umfassendere nationale Identität Israels in der Schrift.

Israel im Neuen Testament

Das Neue Testament behandelt Israel weiterhin als eine erkennbare nationale Größe im sich entfaltenden Plan Gottes. Gabriel kündigte an, dass Jesus „den Thron seines Vaters David“ erhalten und „für immer über das Haus Jakob herrschen“ werde (Lk 1,32–33). Diese Sprache erinnert unmittelbar an Israels nationale Hoffnungen, die im davidischen Bund verwurzelt sind. Später verhieß Jesus seinen Aposteln, sie würden auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten (Mt 19,28; Lk 22,30). Bei seiner Himmelfahrt erwarteten die Apostel noch immer die Wiederherstellung des Reiches für Israel (Apg 1,6). Das zeigt, dass Israels Reichshoffnung auch nach der Auferstehung fortbestand. Petrus sprach dann von einer künftigen Wiederherstellung, verbunden mit Israels Umkehr und der Erfüllung der Bundesverheißungen (Apg 3,19–25). Ebenso erklärte Paulus, er stehe wegen der Hoffnung der zwölf Stämme vor Gericht (Apg 26,6–7), und erwartete die künftige Rettung „ganz Israels“ (Röm 11,26–27).

Zugleich sagte die Schrift voraus, dass die Völker durch Abraham gesegnet werden würden (Gen 12,3; 17,4–8; 22,17–18). Galater 3 erklärt, dass diese Verheißung in Jesus erfüllt wird, da die Gläubigen aus den Völkern nun zu Abrahams Nachkommen gerechnet werden und an dem ihm verheißenen Segen teilhaben. Doch die Aufnahme der Völker als geistliche Nachkommen Abrahams hebt Gottes Absichten für die Nation Israel nicht auf. Vielmehr zeigt sie die umfassendere Reichweite der abrahamitischen Verheißung, die von Anfang an vorsah, dass sich der Segen über Israel hinaus auf die Völker erstrecken würde.

Das Bundesmuster in Israels Geschichte

Bestimmte Stellen sind für das Verständnis Israels grundlegend, weil sie Gottes übergreifende Pläne und Absichten für die Nation ausdrücklich darlegen. Texte wie Levitikus 26, Deuteronomium 28–30, Deuteronomium 32, Ezechiel 20 und Römer 11 dienen als Auslegungsanker, um Israels Rolle im Verlauf der biblischen Geschichte zu verstehen. Diese Stellen behandeln Israels Identität, seine Bundesbeziehung zu Gott, seine geschichtliche Züchtigung und seine künftige Wiederherstellung unmittelbar und umfassend.

Eine verantwortungsvolle Auslegung sollte diesen strukturgebenden Stellen besondere Aufmerksamkeit widmen. In der Debatte über Israel berufen sich Ausleger mitunter auf einzelne Verse, die ihrer Ansicht nach ihre Position stützen, während sie den Stellen wenig Beachtung schenken, die den Rahmen für Israels Rolle in Gottes Absichten ausdrücklich festlegen. Werden diese Bundestexte vernachlässigt, können sich Schlussfolgerungen über Israel von dem Erzählzusammenhang lösen, den die Schrift selbst vorgibt.

Bei der Untersuchung dieser grundlegenden Texte ergibt sich eine wichtige Beobachtung. Obwohl sie Israels Auflehnung, Züchtigung und Zerstreuung unter die Völker klar voraussagen, deutet keiner von ihnen an, dass das Exil zur Auflösung Israels als Volk oder zum endgültigen Verlust seiner nationalen Identität und seiner Rolle in Gottes Absichten führt. Ebenso wenig deuten sie an, dass Israel zu einer rein geistlichen Gemeinschaft werden wird, die von der Nation selbst losgelöst ist. Vielmehr verheißen dieselben Stellen, die vor dem Gericht warnen, durchgängig Umkehr, Sammlung und Wiederherstellung. Das Bundesmuster setzt den Fortbestand Israels als eines Volkes voraus, das Gott letztlich wiederherstellen wird.

Um Israels Rolle in der biblischen Geschichte auch für die Gegenwart zu verstehen, müssen wir das Muster seiner Geschichte erkennen, das Gott im Voraus offenbart hat. Zwei Stellen sind dafür besonders wichtig: Levitikus 26 und Deuteronomium 28–30. Diese Texte bieten prophetische Überblicke über Israels nationale Erfahrung und skizzieren die wesentlichen Etappen seiner künftigen Geschichte.

Erstens würde Gehorsam Segen im Land bringen (Lev 26,3–13; Dtn 28,1–14). Wenn Israel in Treue zum Herrn wandelte, würde die Nation Wohlstand, Sicherheit, landwirtschaftlichen Überfluss und die Gegenwart des Herrn erfahren, der in ihrer Mitte wohnt.

Zweitens würde beharrlicher Ungehorsam Züchtigung und schließlich Exil nach sich ziehen. Beide Stellen warnen davor, dass Auflehnung zu immer schwereren Gerichten führen würde, die in Israels Zerstreuung unter die Völker gipfelten (Lev 26,14–39; Dtn 28,15–68). Die mit dem Land verbundenen Bundessegnungen würden sich ins Gegenteil verkehren, wenn das Gericht über die Nation käme.

Drittens würde die Zerstreuung unter die Völker nicht das letzte Kapitel sein. Diese Bundestexte erwarten einen künftigen Zeitpunkt, an dem Israel seine Sünde erkennen und zum Herrn umkehren wird (Lev 26,40–41; Dtn 30,1–2). Auch nach Gericht und Exil bleibt die Möglichkeit zur Umkehr bestehen.

Viertens verheißt Gott Wiederherstellung. Wenn Israel sich dem Herrn zuwendet, wird er seines Bundes gedenken und sein Volk aus den Völkern sammeln und in das den Vätern verheißene Land zurückbringen (Lev 26,42–45; Dtn 30,3–5). Diese Wiederherstellung umfasst mehr als eine leibliche Rückkehr ins Land. Deuteronomium 30 verheißt auch eine innere Verwandlung: Gott wird „dein Herz und das Herz deiner Nachkommen beschneiden, damit du den Herrn, deinen Gott, mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele liebst“ (Dtn 30,6). Israels künftige Wiederherstellung umfasst also sowohl die Sammlung im Land als auch die geistliche Erneuerung des Volkes.

Auch das Lied des Mose in Deuteronomium 32 nimmt Israels künftige Geschichte vorweg. Es sagt Israels Verderbnis, Gottes Züchtigung durch die Völker und sein schließliches Eintreten für sein Volk voraus. Mose warnte, Israel werde nach dem Einzug in das Land „verderblich handeln und von dem Weg abweichen, den ich euch geboten habe“ (Dtn 31,29). Doch das Lied weist auch auf Gottes künftiges Erbarmen und seine Wiederherstellung hin: „Der Herr wird seinem Volk Recht verschaffen und sich seiner Knechte erbarmen“ (Dtn 32,36). In poetischer Form bekräftigt das Lied das Bundesmuster, das in Deuteronomium 28–30 förmlicher dargelegt wird.

Spätere Propheten bestätigten dieselbe Bundesstruktur. In Ezechiel 20 schildert der Herr Israels lange Geschichte der Auflehnung seit Ägypten und kündigt sowohl Gericht als auch künftige Wiederherstellung an. Das Kapitel gipfelt darin, dass Gott Israel aus den Völkern sammelt und im Land zu treuer Gottesverehrung zurückführt (Ez 20,34–44). Dieser prophetische Rückblick bestätigt das bereits in Levitikus 26 und Deuteronomium 28–30 dargelegte Bundesmuster.

Zusammengenommen offenbaren diese Stellen das Bundesmuster, das Israels Geschichte bestimmt: Segen im Land, Züchtigung und Exil, Zerstreuung unter die Völker und künftige Wiederherstellung, die sowohl Sammlung als auch geistliche Verwandlung umfasst. Israels nationale Geschichte entfaltet sich nach dieser Struktur, die auch das Neue Testament in Stellen wie Römer 11 bekräftigt.

Jede Erörterung von Israels Rolle in der biblischen Geschichte muss diesen Bundesrahmen berücksichtigen. Die Texte selbst kündigen diese Etappen an, und die biblische Erzählung spiegelt sie wiederholt wider. Ebenso wichtig ist, dass dieses Muster zeigt: Exil und Zerstreuung können nicht das letzte Kapitel der Geschichte Israels sein. Dieselben Stellen, die vor einem nationalen Gericht warnen, verheißen auch nationale Umkehr, Sammlung und Erneuerung. Israels Geschichte bewegt sich daher auf Wiederherstellung zu, denn der Gott, der diese Etappen im Voraus angekündigt hat, hat sich verpflichtet, sie zur Vollendung zu führen.

Diese biblischen Grundlagen sind für die Beurteilung der heutigen Frage unerlässlich. Wenn die Schrift Israel als dauerhaftes Volk mit einer ethnischen, nationalen und territorialen Dimension darstellt, dessen Geschichte sich nach diesem in der Wiederherstellung gipfelnden Bundesmuster entfaltet, dann dürfen Diskussionen über den modernen Staat Israel — oder über Israel zu irgendeinem Zeitpunkt der Geschichte — diesen Rahmen nicht übergehen.

Der moderne Staat Israel

Wenn die Bibel Israel als fortbestehende Nation mit dauerhaften Bundesverheißungen und einer bleibenden Bindung an das Land darstellt, ergibt sich eine wichtige Frage: Wie sollten Christen die heutige Existenz des jüdischen Volkes und den modernen Staat Israel verstehen?

Bevor wir diese Frage behandeln, ist eine wichtige Klarstellung nötig. Israels bleibende Bedeutung hängt nicht von der Gründung des modernen Staates im Jahr 1948 ab. Aufgrund der dauerhaften Verheißungen des abrahamitischen Bundes bleibt Israel unabhängig von politischen Umständen für Gottes Absichten bedeutsam. Selbst wenn im Land niemals wieder ein jüdischer Staat errichtet worden wäre, würde das Volk Israel weiterhin einen wichtigen Platz im sich entfaltenden Plan Gottes einnehmen.

Die Existenz des modernen Staates darf daher nicht missverstanden werden. Die Gründung Israels im Jahr 1948 erfüllt für sich genommen nicht die prophetischen Verheißungen seiner künftigen Wiederherstellung. Sie zeigt jedoch, dass das jüdische Volk weiterhin als Nation in der Geschichte besteht. Und dieser Staat bildet wahrscheinlich den Schauplatz von Ereignissen, die zur Erfüllung von Gottes Plänen für diese Nation führen.

Die Gründung des modernen Staates Israel im Jahr 1948 hat die Nation Israel nicht neu erschaffen. Auch während langer Jahrhunderte der Zerstreuung bestand das jüdische Volk als Israel fort. Obwohl es unter die Völker zerstreut war und oft keine politische Souveränität in seinem historischen Land besaß, bewahrte es seine Identität als Nachkommen des Volkes Israel. In diesem Sinne bestand Israel als Volk fort, auch wenn es nicht als politischer Staat existierte. Selbst heute umfasst der moderne Staat Israel nicht das gesamte Volk Israel. Jüdische Gemeinden gibt es auf der ganzen Welt, mit gläubigen wie ungläubigen Israeliten.

Das jüdische Volk besteht noch heute als erkennbare ethnische und nationale Gemeinschaft. Seit 1948 besitzt es wieder politische Souveränität im historischen Land Israel. Diese Tatsachen werfen die Frage auf, ob und wie das moderne Israel mit dem in der Schrift beschriebenen Israel verbunden ist.

Der moderne Staat Israel wurde im Mai 1948 gegründet. Nach fast zweitausend Jahren der Zerstreuung besaß eine jüdische Nation wieder politische Souveränität in dieser Region. Der Staatsgründung ging der Teilungsplan der Generalversammlung der Vereinten Nationen von 1947 voraus, der die Errichtung eines jüdischen und eines arabischen Staates in dem Land empfahl.

Mehrere Merkmale des modernen Staates sind bemerkenswert.

Erstens handelt es sich um einen säkularen politischen Staat und nicht um eine Nation, die unmittelbar vom mosaischen Bund bestimmt wird. Das moderne Israel ist ein demokratischer Staat mit zivilen Institutionen und modernen Rechtssystemen.

Zweitens besteht die Bevölkerung zu einem großen Teil aus Juden, die aus vielen Weltregionen zurückgekehrt sind. Im vergangenen Jahrhundert kamen jüdische Einwanderer aus Europa, Russland, Nordafrika, dem Nahen Osten, Äthiopien und der ehemaligen Sowjetunion.

Drittens umfasst die Nation ein breites Spektrum religiöser und säkularer Auffassungen. Viele Israelis verstehen sich kulturell als jüdisch, sind aber nicht religiös, während andere die religiösen Gebote befolgen. Zur Bevölkerung gehören auch arabische Bürger und andere Minderheiten.

Diese geschichtlichen Tatsachen bilden einen wichtigen Hintergrund für die folgende theologische Erörterung. Es bleibt die Frage, wie der moderne Staat Israel im Verhältnis zu dem in der Schrift beschriebenen Israel zu verstehen ist.

Ist das moderne Israel mit dem biblischen Israel verbunden?

Seit Israel durch die Patriarchen und die Verheißungen des abrahamitischen Bundes als Volk entstand, stellt die Schrift die Nation durchgängig als in der Geschichte fortbestehend dar, nicht als aus ihr verschwindend. Weil Gott verhieß, dass Israel vor ihm als Nation bestehen bleiben würde, hat das jüdische Volk über die Jahrhunderte hinweg fortbestanden, selbst während langer Zeiten des Exils, der Zerstreuung und des Verlusts politischer Souveränität.

Der abrahamitische Bund setzt die fortdauernde Identität der leiblichen Nachkommen Abrahams voraus, durch die sich Gottes Verheißungen entfalten (Gen 12,1–3; 17,7–8). Ebenso bekräftigen die Propheten Israels fortbestehende nationale Identität. Wie bereits erwähnt, erklärte Jeremia, Israel werde vor dem Herrn bleiben, solange die feste Schöpfungsordnung besteht — die Sonne am Tag und Mond und Sterne in der Nacht (Jer 31,35–37). Israels nationale Existenz wird nicht aus der Geschichte verschwinden, auch wenn die Nation Züchtigung, Exil und Zerstreuung erlebt.

Die Geschichte spiegelt diese Kontinuität wider. Nach der Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 n. Chr. wurde das jüdische Volk unter die Völker zerstreut. Dennoch verschwand es nicht. Über die Jahrhunderte hinweg blieben jüdische Gemeinden in vielen Teilen der Welt erkennbar. Zugleich lebten weiterhin kleine jüdische Bevölkerungsgruppen im Land selbst, besonders in Städten wie Jerusalem, Safed, Tiberias und Hebron.

Über die Jahrhunderte hinweg verstand sich das jüdische Volk beständig als Nachkommen des alten Volkes Israel. Sein religiöses Leben blieb auf die Hebräischen Schriften, den Sabbat und die biblischen Feste ausgerichtet. Selbst im Exil beteten die Juden in Richtung Jerusalem und bewahrten die Erinnerung an das ihren Vätern verheißene Land.

Mehrere geschichtliche Entwicklungen unterstreichen diese Kontinuität zusätzlich. Hebräisch, die Sprache des Alten Testaments, wurde während der modernen Rückkehr in das Land als gesprochene Sprache der jüdischen Gesellschaft wiederbelebt. Archäologische Funde in der gesamten Region bestätigen die Präsenz der altisraelitischen Kultur in demselben geografischen Raum, den die Bibel beschreibt. Darüber hinaus weisen genetische Studien an jüdischen Bevölkerungsgruppen weltweit auf eine erhebliche gemeinsame Abstammung hin, die im alten Nahen Osten verwurzelt ist.

Diese Tatsachen führen zu einer wichtigen Schlussfolgerung: Das heutige jüdische Volk ist geschichtlich mit dem Volk des alten Israel verbunden, und der moderne Staat liegt in demselben Land, in dem sich die biblische Geschichte abspielte. Weil die jüdische Bevölkerung des modernen Staates eine klare ethnische, kulturelle und geschichtliche Kontinuität mit dem alten Volk Israel aufweist, besteht ein bedeutsamer Zusammenhang zwischen dem in der Schrift beschriebenen Israel und dem heutigen jüdischen Volk.

Obwohl Israels Existenz nicht von der Zustimmung internationaler Gremien abhängt, ist bemerkenswert, dass die Vereinten Nationen die historische Verbindung zwischen dem jüdischen Volk und dem Land anerkannten, als sie 1947 die Errichtung eines jüdischen Staates empfahlen.

Diese geschichtliche Kontinuität entspricht auch den biblischen Erwartungen. Mose warnte, Israel werde wegen seines Ungehorsams unter die Völker zerstreut werden und unter den Völkern, zu denen der Herr es treiben würde, „gering an Zahl“ werden (Dtn 28,62). Doch er verhieß auch, dass Gott es wieder aus den Völkern sammeln und in das Land zurückbringen werde (Dtn 30,1–5).

Das moderne Israel ist nicht mit dem Israel des Alten Testaments identisch. Das alte Israel bestand als Nation unter dem mosaischen Bund, während der moderne Staat eine heutige politische Nation mit einer vielfältigen und weitgehend säkularen Bevölkerung ist. Doch Unterschiede in der politischen Struktur heben weder die ethnische und geschichtliche Kontinuität des jüdischen Volkes noch seine Verbindung zum Land auf.

Aus diesen Gründen schuf die Gründung des modernen Staates Israel im Jahr 1948 kein neues Volk. Vielmehr markierte sie die politische Wiederherstellung eines Volkes, dessen Identität Jahrhunderte der Zerstreuung überdauert hatte.

Der moderne Staat Israel sollte nicht als für die biblische Geschichte bedeutungslos abgetan werden. Die Existenz des modernen Staates erfüllt für sich genommen nicht die prophetischen Hoffnungen auf Israels künftige Wiederherstellung, zeigt aber, dass das jüdische Volk als Nation in der Geschichte fortbesteht.

Die im Alten Testament beschriebene prophetische Hoffnung umfasst geistliche Erneuerung, nationale Umkehr und die Herrschaft des Messias — Wirklichkeiten, die noch nicht eingetreten sind. Doch der Fortbestand des jüdischen Volkes und seine erneute Präsenz im Land zeigen, dass das Volk, dem die biblischen Verheißungen gegeben wurden, weiterhin in der Geschichte existiert. Das Überleben des jüdischen Volkes und die Wiederherstellung einer jüdischen nationalen Präsenz im Land belegen, dass auf der Bühne der Geschichte noch immer genau das Volk und der Ort vorhanden sind, die in der Schrift mit Gottes Verheißungen verbunden sind. In diesem Sinne erinnert das moderne Israel daran, dass die biblische Geschichte nicht aus der Weltgeschichte getilgt wurde und dass die von den Propheten beschriebene künftige Wiederherstellung weiterhin in den Ablauf von Gottes geschichtlichen Absichten eingebettet ist.

Was Israels Präsenz im Land bedeutet — und was nicht

Der Fortbestand des jüdischen Volkes im Land wirft eine wichtige Frage auf: Was bedeutet Israels heutige Präsenz im Land im Verhältnis zur biblischen Prophetie? Wenn das moderne Israel noch nicht die von den Propheten verheißene vollständige Wiederherstellung darstellt, wie ist seine Existenz dann im sich entfaltenden Plan Gottes zu verstehen?

Zunächst muss geklärt werden, was sie nicht bedeutet.

Israels Präsenz im Land bedeutet nicht, dass die Nation bereits das von den Propheten verheißene Heil und die geistliche Erneuerung erfahren hat. Zu diesen Prophetien gehören Umkehr, Sündenvergebung, innere Verwandlung und die Herrschaft des Messias vom Thron Davids aus — Bedingungen, die noch nicht eingetreten sind. Die Schrift macht auch deutlich, dass weder die Nation noch einzelne Israeliten die endgültigen Segnungen des Landes erben werden, solange sie im Unglauben verharren. Die Propheten verbinden Israels künftige Wiederherstellung durchgängig mit Umkehr und erneuerter Treue zum Herrn.

Ebenso enthebt Israels Präsenz im Land die Nation nicht der moralischen oder politischen Beurteilung. Wie bei jeder Nation sollten Israels Handlungen danach beurteilt werden, was recht ist, und nach Maßstäben, an die sich alle Länder halten sollten. Israels Existenzrecht und seine fortdauernde Rolle in Gottes Absichten zu unterstützen verlangt von Christen nicht, jede politische oder militärische Entscheidung der heutigen israelischen Regierung zu billigen.

Zugleich darf Israels biblische Bedeutung Christen niemals dazu verleiten, die Würde und das Wohlergehen anderer in der Region lebender Völker zu missachten. Alle Menschen sind nach Gottes Bild geschaffen und Gegenstand seiner Fürsorge. Christen sollten daher Gerechtigkeit, Frieden und die Verbreitung des Evangeliums sowohl unter Juden als auch unter Nichtjuden wünschen. Israels Rolle in Gottes Absichten anzuerkennen mindert weder den Wert noch die Bedeutung anderer Völker.

Auch sollte der moderne Staat nicht als Grundlage für spekulative Datierungen der Endzeit dienen.

Zugleich ist Israels Präsenz im Land mehr als eine geschichtliche Anomalie. Sie kann innerhalb von Gottes Vorsehung in der Geschichte Bedeutung haben. Die Schrift deutet darauf hin, dass Israel in der Zeit vor seiner künftigen Rettung und Erneuerung wieder als erkennbares Volk im Land existieren wird. Daniel 9,27 schildert Israel als eine Nation, die im Land lebt, aber noch im Unglauben verharrt und mit einem mächtigen Weltherrscher einen politischen Bund schließen kann.

Auch Ezechiels Vision der verdorrten Gebeine wirft Licht auf diese Frage (Ez 37,1–14). Die Vision bezeichnet die Gebeine ausdrücklich als „das ganze Haus Israel“ (37,11), ein Volk, das aufgrund von Exil und Zerstreuung als abgeschnitten und hoffnungslos dargestellt wird. Im Verlauf der Prophetie fügen sich die Gebeine zusammen und bilden Körper, bevor der Lebensatem in sie eintritt (37,7–8). Das Bild deutet auf eine Unterscheidung zwischen der nationalen Wiederherstellung Israels und der späteren geistlichen Erneuerung durch Gottes Geist hin. Die Vision zeigt also, wie Israel als Volk wiederhergestellt wird, bevor es das verwandelnde Wirken des Geistes erfährt. Das legt nahe, dass eine nationale Sammlung und eine spätere geistliche Erneuerung nicht gleichzeitig geschehen müssen, sondern sich in Gottes Erlösungsplan nacheinander entfalten können.

Die Vorstellung, dass Israel vor seiner geistlichen Erneuerung wieder im Land existiert, entspricht somit dem biblischen Muster. Dies verlangt keine unmittelbare Eins-zu-eins-Zuordnung moderner politischer Ereignisse zu bestimmten Prophetien. Vielmehr wird eine Phase vorstellbar, in der Israel wieder als Nation besteht, bevor die von den Propheten verheißene geistliche Verwandlung eintritt.

Im Licht dieses Musters lässt sich die moderne Wiederherstellung Israels als Nation im Land vernünftigerweise als mit einer frühen Phase des in der Schrift beschriebenen Wiederherstellungsprozesses vereinbar verstehen. Die heutige Nation zeigt noch nicht die umfassende geistliche Erneuerung, die in Stellen wie Ezechiel 36,26–27 verheißen wird. Doch Israels Existenz als eines wieder in seinem historischen Land gesammelten Volkes entspricht der prophetischen Erwartung, dass die nationale Wiederherstellung der geistlichen Verwandlung vorausgehen wird.

Der moderne Staat Israel sollte nicht als Erfüllung der Wiederherstellungsprophetien betrachtet werden. Zugleich kann er Teil des geschichtlichen Rahmens sein, durch den Gott letztlich die künftige Rettung und Erneuerung der Nation herbeiführen wird.

Israel und der Unglaube

Einer der häufigsten Einwände gegen eine Verbindung zwischen dem modernen Israel und dem Israel der Schrift betrifft den gegenwärtigen Unglauben der Nation. Viele weisen darauf hin, dass große Teile der jüdischen Bevölkerung nicht an Jesus als Messias glauben und dass die Politik des modernen Staates Israel nicht immer biblische Ethik widerspiegelt. Deshalb folgern manche, das moderne Israel könne keine bedeutsame Verbindung zu dem in der Bibel beschriebenen Israel haben.

Doch Israels gegenwärtiger Unglaube unterbricht nicht seine geschichtliche oder biblische Identität. Im gesamten Alten Testament handelte Israel häufig böse und blieb dennoch die Nation, durch die Gott seine Bundesabsichten verwirklichte. Die Propheten wiesen Israel wiederholt wegen Verderbnis, Götzendienst und Ungerechtigkeit zurecht. Doch selbst in Zeiten nationaler Auflehnung hob Gott seine Bundesverpflichtungen gegenüber dem von Abraham abstammenden Volk nicht auf.

Israel selbst erkannte dieses Muster in seinen Bußgebeten an. In Salomos Gebet zur Tempelweihe bekannte die Nation: „Wir haben gesündigt, Unrecht begangen und böse gehandelt“ (1 Kön 8,47; vgl. 2 Chr 6,37). Viele Könige Israels führten die Nation in schwere Verderbnis. Omri „tat, was böse war in den Augen des Herrn, und handelte schlimmer als alle vor ihm“ (1 Kön 16,25). Manasse „handelte schlimmer als alle Amoriter“ und verführte Juda zu weitverbreitetem Götzendienst (2 Kön 21,11). Israels moralisches Versagen zog sich durch seine Geschichte, löschte aber niemals seine Bundesidentität aus. Gott züchtigte sein Volk, gab jedoch die den Vätern zugesagten Verheißungen nicht auf.

Das Neue Testament zeigt dasselbe Muster. Petrus sprach das ungläubige jüdische Volk in Jerusalem als Teilhaber an den Bundesverheißungen an und rief es zugleich zur Umkehr auf:

„Ihr seid die Söhne der Propheten und des Bundes, den Gott mit euren Vätern geschlossen hat, als er zu Abraham sagte: In deinem Nachkommen werden alle Geschlechter der Erde gesegnet werden“ (Apg 3,25).

Ebenso erkannte Paulus in Römer 9,3–5 Israels weitverbreiteten Unglauben an und bekräftigte zugleich, dass die Nation weiterhin in einer einzigartigen Beziehung zu den Bundesschlüssen und Verheißungen stand. Über seine israelitischen Volksgenossen erklärte Paulus, ihnen „gehören die Sohnschaft und die Herrlichkeit und die Bundesschlüsse und die Gesetzgebung und der Tempeldienst und die Verheißungen; ihnen gehören die Väter, und aus ihnen stammt dem Fleisch nach der Christus“ (Röm 9,4–5).

Israels gegenwärtiger Unglaube ist daher ein ernster geistlicher Zustand, den die Schrift selbst anerkennt. Doch Israel befand sich in alttestamentlicher Zeit häufig in einem ähnlichen Zustand. Wenn Zeiten nationalen Ungehorsams Israel in der Vergangenheit nicht aus Gottes Bundesabsichten ausschlossen, sollte uns dieselbe Wirklichkeit heute nicht dazu veranlassen, Israels fortdauernde Identität zu leugnen.

Die Perspektive von Römer 11

Römer 11 enthält die unmittelbarste und ausführlichste Erörterung von Israels Platz in Gottes Absichten im Neuen Testament. Paulus schreibt vor dem Hintergrund der Ablehnung Jesu durch Israel und der wachsenden Zahl von Gläubigen aus den Völkern, die in das Volk Gottes eintreten. Deshalb verdient das Kapitel bei jeder christlichen Reflexion über Israels Platz in Gottes Plan besondere Aufmerksamkeit. Darin erklärt Paulus, wie Israels gegenwärtiger Unglaube mit Gottes umfassenderen Absichten zusammenhängt und wie Christen diese Nation betrachten sollten.

Die Erörterung des Paulus spiegelt auch ein Muster wider, das schon früher in der Schrift offenbart wurde. Die Bundeswarnungen und -verheißungen in Levitikus 26 und Deuteronomium 28–30, das Lied des Mose in Deuteronomium 32 und spätere prophetische Stellen wie Ezechiel 20 beschreiben ein wiederkehrendes Muster in Israels Geschichte: Ungehorsam, Züchtigung unter den Völkern und schließlich Wiederherstellung. Römer 11 fügt sich in denselben Rahmen ein. Paulus greift sogar auf Deuteronomium 32 zurück, wenn er erklärt, dass Gott gegenwärtig die Rettung der Völker dazu gebraucht, Israel zur Eifersucht zu reizen (Röm 10,19; 11,11).

Seit Römer 9 behandelt Paulus die theologische Frage, die Israels weitverbreiteter Unglaube aufwirft: Wie kann Gott seinen Verheißungen treu bleiben, wenn die Nation ihren Messias nicht angenommen hat? Das Aufkommen der Kirche und die wachsende Zahl von Nichtjuden, die zum Glauben kamen, machten diese Frage noch dringlicher. Manche begannen sich zu fragen, ob Gott Israel vollständig verworfen habe.

Paulus antwortet mit einer grundlegenden Erklärung:

Ich frage also: Hat Gott etwa sein Volk verstoßen? Keineswegs! … Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er im Voraus erkannt hat (Röm 11,1–2).

Diese Aussage gibt den Ton für das weitere Kapitel vor. Trotz der weitverbreiteten Ablehnung Jesu als Messias in Israel ist Gottes Beziehung zu der Nation nicht beendet worden. Selbst in seinem gegenwärtigen Zustand des Unglaubens wird Israel noch immer als „sein Volk“ bezeichnet. Paulus begründet dies damit, dass Gott es im Voraus erkannt hat. Diese Sprache verweist auf Gottes vorausgehende Erwählung und seine Bundesverpflichtung gegenüber Israel. In den Schriften des Paulus ist der Begriff eng mit Erwählung und Gottes Heilsabsichten verbunden. So werden die Gläubigen in Römer 8,29 als diejenigen beschrieben, „die er im Voraus erkannt hat“. Das Wort unterstreicht Gottes souveräne Entscheidung, seine Heilsabsichten auf dieses Volk, Israel, zu richten.

Die Aussage des Paulus ist klar und sollte die Frage entscheiden, ob Israel im Unglauben noch als Gottes Volk betrachtet werden kann: Israels gegenwärtiger Unglaube hebt Gottes vorausgehende Erwählung der Nation nicht auf. Der Gott, der sein Volk Israel im Voraus erkannt hat, hat es nicht verworfen. Seine Absichten für dieses Volk bestehen fort.

Paulus erklärt dann, wie sich die gegenwärtige Lage in Gottes umfassenderen Plan einfügt. In Römer 11,1–10 betont er zunächst, dass Gott sein Volk nicht verworfen hat. Als Beleg dafür, dass seine Bundesbeziehung zur Nation ungebrochen bleibt, verweist er auf die Existenz eines gläubigen Restes innerhalb Israels. Paulus selbst gehört zu diesem Rest, der aus Gnade erwählt ist. Israels gegenwärtiger Unglaube ist daher weder vollständig noch endgültig. Durch Israels Straucheln ist das Heil zu den Völkern gekommen, was wiederum Israel zur Eifersucht reizt (Röm 11,11). Diese Entwicklung bedeutet nicht, dass Israels Rolle in Gottes Absichten beendet wäre. Sie stellt vielmehr eine Etappe innerhalb des größeren Musters dar, das die Schrift beschreibt.

Mit dem Bild eines Ölbaums (11,17–24) erklärt Paulus, dass die Gläubigen aus den Völkern in die mit den Patriarchen verbundenen Segnungen eingepfropft worden sind. Zugleich warnt er sie davor, gegenüber Israel, den natürlichen Zweigen, überheblich zu werden:

Erhebe dich nicht über die Zweige. Wenn du dich aber überhebst, dann bedenke: Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich (Röm 11,18).

Paulus spricht auch von einer künftigen Überwindung des Unglaubens Israels als Gemeinschaft. Er weist auf einen kommenden Tag hin, an dem „ganz Israel gerettet werden wird“ (Röm 11,26). Diese Rettung ist mit Israels künftiger „Fülle“ verbunden, die nach Paulus „Reichtum für die Welt“ und noch größeren Segen für die Völker bringen wird (Röm 11,12). Später fügt er hinzu: Wenn Israels gegenwärtige Verwerfung die „Versöhnung der Welt“ bedeutet hat, wird seine künftige Annahme „Leben aus den Toten“ sein (Röm 11,15). Diese Ausdrücke zeigen, dass Israel nicht nur für Gottes gegenwärtige Absichten bedeutsam ist, sondern eine noch größere Rolle bei den weltweiten Segnungen spielen wird, die seine künftige Wiederherstellung begleiten.

Entscheidend für die Argumentation des Paulus ist auch die Erkenntnis, dass Israel gegenwärtig einen einzigartigen Doppelstatus besitzt. Zwei Wirklichkeiten bestehen zugleich. Die Nation steht dem Evangelium weitgehend im Unglauben gegenüber und bleibt dennoch mit Gottes Bundesabsichten verbunden. Paulus bringt diese Spannung klar zum Ausdruck:

Vom Evangelium her sind sie Feinde um euretwillen, von der Erwählung her aber sind sie Geliebte um der Väter willen (Röm 11,28).

Aus der Perspektive des Evangeliums stellt Israels Ablehnung Christi die Nation in Gegensatz zur Heilsbotschaft. Doch aus der Perspektive von Gottes souveräner Erwählung bleibt Israel geliebt, weil Gott sich gegenüber Abraham, Isaak und Jakob im Bund verpflichtet hat.

Paulus bekräftigt diese Wahrheit mit einer weitreichenden Aussage über Gottes Treue:

Denn die Gaben und die Berufung Gottes sind unwiderruflich (Röm 11,29).

Die „Gaben“ beziehen sich auf die Segnungen, die Paulus zuvor in Römer 9,4–5 aufgezählt hat, einschließlich der Verheißungen und Bundesschlüsse, die Gott Israel gegeben hat. Israels „Berufung“ bezeichnet die bleibende geschichtliche Rolle der Nation in Gottes Absichten, den Völkern Segen zu bringen.

Was zur Zeit des Paulus galt, gilt auch heute. Israels Unglaube ist real und darf nicht verharmlost werden. Doch er bedeutet nicht, dass Gott die Nation verworfen hat. Israel bleibt um der Verheißungen an die Patriarchen willen geliebt. Und Gottes Berufung dieser Nation kann nicht widerrufen werden.

Deshalb müssen die Gläubigen aus den Völkern jede Haltung der Überlegenheit gegenüber Israel zurückweisen. Christen sollten Israel stattdessen aus der von Paulus eröffneten Perspektive betrachten: Sie sollten sowohl die Tragik seines gegenwärtigen Unglaubens als auch die Gewissheit anerkennen, dass Gott seinem Bundesvolk künftig treu bleiben wird.

Zusammenfassung

Besteht eine Verbindung zwischen dem Israel der Bibel und dem heutigen jüdischen Volk einschließlich des modernen Staates Israel? Die Antwort lautet: Ja.

Die Schrift zeigt, dass Israel als eigenständiges Volk und eigenständige Nation in Gottes Absichten fortbestehen würde. Seit der Entstehung Israels in der Genesis sieht die biblische Geschichte niemals eine Zeit vor, in der die Nation endgültig verschwindet oder aus Gottes Plänen verblasst. Auch nach der Zerstreuung hat das jüdische Volk als erkennbare ethnische Gemeinschaft mit geschichtlichen und kulturellen Bindungen an das in der Schrift beschriebene Volk Israel fortbestanden.

Wenn zahlreiche ethnische Israeliten wieder im historischen Land Israel leben und sich bewusst mit diesem biblischen Erbe identifizieren, lässt sich kaum leugnen, dass eine bedeutsame Verbindung zwischen dem Israel der Bibel und dem modernen Israel besteht. Dass der moderne Staat weitgehend säkular ist oder zuweilen fragwürdige politische und militärische Entscheidungen trifft, hebt diese geschichtliche und biblische Kontinuität nicht auf. Im gesamten Alten Testament bestand Israel häufig als Gottes Bundesvolk, während viele innerhalb der Nation im Unglauben und Ungehorsam lebten. Dieses Versagen löschte Israels Identität nicht aus und hob Gottes Bundesabsichten für die Nation nicht auf. Deshalb sollte Israels gegenwärtiger Unglaube nicht als Bruch der geschichtlichen und biblischen Verbindung zwischen dem modernen Israel und dem in der Schrift beschriebenen Israel verstanden werden.

Die moderne Nation Israel sollte nicht als vollständige Erfüllung der biblischen Prophetie betrachtet werden; auch spiegelt ihr gegenwärtiger Zustand nicht die von den Propheten verheißene geistliche Erneuerung wider. Doch schon ihre Existenz erinnert daran, dass das Volk, das Gott durch Abraham, Isaak und Jakob berufen hat, nicht aus der Geschichte verschwunden ist. Dieselbe Nation, die einst Gottes Bundesschlüsse und Verheißungen empfing, besteht heute noch in erkennbarer Gestalt.

Für Christen lädt diese Kontinuität sowohl zur Demut als auch zur Erwartung ein. Der Gott, der Israel durch das Exil und durch Jahrhunderte der Zerstreuung bewahrt hat, ist derselbe Gott, der erklärt hat, dass seine Absichten für dieses Volk — und durch dieses Volk für die Welt — noch nicht abgeschlossen sind.


Michael J. Vlach ist Bibellehrer und Autor mit den Schwerpunkten biblische Theologie, Bundesschlüsse, Reich Gottes und Israels Rolle in der Schrift. Er hat mehrere Bücher über Theologie und den großen Erzählzusammenhang der Bibel verfasst. Weitere Artikel und Materialien finden sich auf MichaelJVlach.com.


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